Sie sind hier: Home CA / EU-Projekte / C'Europe on Stage Impressionen / Methode - Forum Theater nach Boal
DeutschEnglishFrancais
16.11.2018 : 1:46 : +0100

Jedes Spiel braucht Regeln ...



„Theater als Diskurs“ möchte das Forumtheater sein.

„Nun,....da so viele Sicherheiten zu Zweifeln geworden sind, da sich so viele Träume verflüchtigt haben unter dem grellen Tageslicht, und so viele Hoffnungen sich als Betrug herausgestellt haben – nun, da wir Zeiten großer Verblüffung durchleben, voller Zweifel und Unsicherheiten – da glaube ich mehr denn je, dass es Zeit ist für ein Theater, das im besten Falle zu richtigen Zeit die richten Fragen stellt. (Boal,1992,S. 45)

Das Forumtheater bietet ein Forum, verschiedene Dinge auf einer Handlungsebene zu diskutieren, auszuprobieren, Alternativen zu finden. Es bietet ein Forum für verschiedene Wege der Veränderung. Forumtheater kann von allen Menschen in verschiedenen Situationen und Varianten gemacht werden. Eine Gruppe, die mit dieser Form arbeitet, entwickelt zu einem Thema eine Modellszene und stellt diese verschiedenen Gruppen zur „Diskussion“ vor. Entweder wurden sie beauftragt, ein bestimmtes Thema zu bearbeiten, oder eine Fragestellung, die die ganze Gruppe beschäftigt, wird von ihnen als Diskussionsangebot in theatralischer Form nach außen getragen.

Eine Modelszene einer realen Unterdrückung, einer realen Ohnmachtsituation oder einer konkreten Fragestellung wird dargestellt. Bei einem nächsten Durchlauf ist das Publikum aufgefordert, in die Rolle der Protagonistin, also des „Opfers“, der Ohnmächtigen einzusteigen und die Szene zu verändern. Die Zuschauerin wird zur Schauspielerin,  zur „Zu-Schau-Spielern“. Wenn das Publikum mit der Lösung nicht einverstanden ist, wird es versuchen, Lösungen zu finden, in der Rolle der Protagonistin Alternativen, neue Handlungen, andere Strategien auszuprobieren, die die Modellszene verändern, zufriedenstellender werden lassen.

Dabei ist alles erlaubt, außer körperliche Gewalt. Die SchauspielerInnen der Modellszene reagieren den Rollen entsprechend um die Szene zu ihrem vorherigen Ausgang zu bringen. Das heißt nicht, dass keine Lösung etwas helfen würde, oder Veränderungen bringt. Die Szene soll jedoch nachvollziehbar bleiben.

Es wäre nicht logisch, wenn z.B. ein Chef einer Firma ohne ersichtlichen Grund die Protagonistin, die Angestellte auf einmal nicht mehr entlässt, obwohl in der Modellszene die Protagonistin gekündigt wurde.

Es geht darum herauszufinden, welche Handlungen was bewirken. Welche Handlungen der Protagonistin würden z.B. den Chef dazu bewegen, die Kündigung nicht auszusprechen. Dabei ist keine Lösung besser als die andere, es gilt gemeinsam zu schauen, was hat sich verändert, wie hat es sich verändert, was hat die „Zu-Schau-Spielerin“ gemacht, welche Möglichkeiten gibt es, was kann in der Realität verwirklicht werden. Boal nennt das „Probehandeln“ oder die „Probe für die Revolution“. Eine Lösung, die für eine Person gut ist, kann für eine andere nicht gut sein.

Das Forumtheater hat bestimmte einfache Regeln, innerhalb derer viele Varianten möglich sind:

Wichtig ist die Rolle der Spielleitung, des Jokers, der zwischen den SchauspielerInnen und dem Publikum vermittelt. Der Joker hat eine neutrale Funktion, er liefert keine Bewertung, keine Meinung, er ist Moderator, Moderatorin.

Er oder sie schaut darauf, dass die Spielregeln klar sind, dass keine Leerläufe entstehen, die Szenen logisch bleiben, fragt im Publikum, welche Veränderungen es gesehen hat – ohne sie zu bewerten im Sinne von gut oder schlecht-, reflektiert kurz mit der „Zu-Schau-Spielerin“, wie es ihr oder ihm bei der Intervention ergangen ist, ob sie erreicht hat, was sie wollte.

Die Spielleitung befragt das Publikum nach weiteren Möglichkeiten, achtet darauf, ob das Publikum oder die SchauspielerInnen müde werden, diese aus ihren Rollen fallen usw.

Die wichtigste Regel beim Forumtheater ist das Stop!

JedeR kann jeder Zeit Stop! sagen, sei es um einzusteigen oder auszusteigen, oder einfach um zu unterbrechen. Das Forumtheater ähnelt einem Wettkampf, einem „Ringkampf“ und der Joker ist sozusagen der neutrale Schiedsrichter. Er oder sie hat die Verantwortung, dass keinem etwas passiert, niemand zu etwas gezwungen wird, viele Menschen in die Szene „einsteigen“. Diese Form der „Diskussion“ soll demokratisch verlaufen.

 

Quelle: Regina Schreiber, Forum Theater Spezialistin aus Wien